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Sanfter Rebell im
Streifenshirt

CHRISTOPH NEUMEISTER

In den Spannungsfeldern zwischen Tradition und Moderne, Rebellion und Kunst und Blödsinn und Erfahrung findet Christoph Neumeister die Leidenschaft, von der seine hervorragenden Weine leben.

 

Christoph Neumeister kneift im gleißenden Sonnenlicht die Augen zusammen. Bevor er etwas sagt, überlegt er kurz, als wolle er seine Worte so sorgfältig auslesen wie seine Trauben und sie von Oberflächlichkeit, Hektik und jedem Verdacht auf Phrasendrescherei befreien. Hat er sie einmal gefunden, die richtigen Worte, spricht er klar und fokussiert, ohne Umschweife und Scheu. „Der Moment“, sagt er, „kam einfach so und hat auch mich überrascht“. Der Moment, von dem er spricht, ist lange her. Es ist kein flüchtiger Augenblick, sondern der Abschluss eines Sinneswandels, durch den Christoph Neumeister sein vormaliges Credo hinter sich ließ. Es lautete: „Niemals mache ich Wein“. 

Die Sonne steht an ihrem höchsten Punkt am Sommerhimmel und zwingt der Natur ihr Diktat aus träger Stille auf. Auf seiner großzügigen und malerisch gelegenen Terrasse inmitten der Weinberge setzt sich Christoph Neumeister in den Schatten, gegenüber flimmert das Weinmekka Straden in der Mittagshitze. Er reicht das Wasser wie jemand, dem das Wohl seiner Gäste am Herzen liegt und entschuldigt sich mehrmals, wenn drinnen im Verkostungsraum das Telefon läutet. 

Der junge Mann wirkt nicht so, wie man sich einen Winzer vorstellt und man fragt sich unweigerlich, ob ihm das wichtig ist. Er trägt ein gestreiftes T-Shirt und eine weite Hose und spricht über Musik, dann von Wein, dann über Literatur und Politik, dann über alles gleichzeitig. Er trennt nicht zwischen den Dingen, denen er seine Leidenschaft widmet, genausowenig ordnet er sie dem Wein unter. Seine angenehm unprätentiöse Art lässt ihn eher wie einen modernen, weltoffenen Bio-Bauern mit einem Hang zum sanften Rebellentum wirken, als wie einen Unternehmer, auf dessen Schultern die Verantwortung für ein traditionsreiches Familienunternehmen mit Dutzenden Mitarbeitern ruht.

Christoph Neumeister deutet den Weinberg hinauf. Das vielfach ausgezeichnete Restaurant „Saziani-Stub'n“ liegt auf halber Höhe des Berges, daneben das Hotel „Schlafgut“ – beide werden von den Eltern geführt. Dass der Sohn heute für das Weingut verantwortlich zeichnet, verdankt er jenem Moment damals mit 20, seinem Sinneswandel: „Seit 15 Jahren mache ich das jetzt“, sagt Neumeister, „doch erst seit wenigen Jahren greift meine Linie langsam“. Die Trennung der Bereiche sei wichtig gewesen, so der junge Winzer, der heute gemeinsam mit seinem Bruder im Weingarten arbeitet: „Vater und Sohn als Chef und Angestellter, das ist nicht immer einfach“. Die harte Arbeit im Weinberg, der Kampf mit der Natur, das Hoffen auf das richtige Wetter und das eigene Gespür – der Weinbau in der Südoststeiermark erlaubt kaum Fehler, noch weniger aber lassen die angespannten Nerven Raum für noch so gut gemeinte Belehrungen.

Natürlich hat er gelernt, was guten Wein ausmachen soll. „Aber was du in der Schule lernst, ist wie immer Blödsinn“, sagt der junge Winzer und lacht. Er hat seine eigene Idee von Wein und schätzt dabei die Kraft der herausfordernden Provokation, als habe er inmitten des Spannungsfeldes zwischen Tradition und Moderne eine Quelle innerer Ruhe gefunden – wenngleich er zugibt, dass er „es anfangs allen zeigen wollte“. Doch mit dem Alter und der Erfahrung stellte sich ein Gleichgewicht zwischen Tradition und Erneuerung ein. Der Vater brachte ihm bei, dass im Keller jeder unnötige Handgriff zu Lasten der Qualität geht. Der Sohn verzichtet auch im Weingarten auf alles Unnatürliche und stellte den Betrieb zum Bio-Weingut um. 

Neumeister überlegt wieder. Er mag Sätze, die so klar sind wie sein Wein: Ungetrübt von haltlosen Trends und kritisch vor allem sich selbst gegenüber, offenbaren sie langsam und in aller Ruhe tiefgründige und facettenreiche Charakterzüge. Der Wein ist nicht die Leidenschaft des Winzers, er ist das Destillat seiner Leidenschaften. Für Kunst, Kultur, Design und seinem Verständnis für Wertigkeit und Bodenständigkeit. Christoph Neumeister blickt blinzelnd auf seine Weinberge und spricht wieder über Wein, dann über Musik, dann über beides gleichzeitig: „Guter Wein“, sagt er,  „ist wie gute Musik: Was länger braucht um sich zu entfalten, ist langfristig lohnender“.

GROSSE STK LAGE
SAZIANI
46°48'37.1"N 15°51'56.2"E

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